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| Schwäbischer Albverein
Ortsgruppe Pliezhausen |
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Pliezhausen, Oberamts Tübingen, nur halb so weit von der Hauptstadt des Schwarzwaldkreises (=Reutlingen) entfernt, schickt sich an, die benachbarten Albvereinsgaue (140 Ortsgruppen aus der landschaftlich zugehörigen Umgebung, Rottenburg, Hechingen, Albrand, Reutlingen, Urach, Nürtingen, Eßlingen, Stuttgart, Böblingen, Herrenberg) zu seiner am Sonntag, 6. Juli stattfindenden Weihe des Zwei=Eichen=Turms des Schwäbischen Albvereins in seinen Mauern zu versammeln. Aus diesem Anlaß scheint es geboten, dem weiten Kreis der Interessierten einiges aud den Gebieten des Landschaftlichen, Geschichtlichen und Kulturkundlichen über Pliezhausen mitzuteilen.
Pliezhausen, evang. Pfarrdorf, Marktflecken, 1772 Einwohner, liegt an der Grenze zweier geographischer Einheiten unseres Heimatlandes Württemberg, der Albvorebene und des Schönbuchs, durch den Lauf des Neckarflusses letzterem zugemessen. Am äußersten südlichen Schönbuchrand gelegen, über die beiden Terrassen, in denen unser vorzüglichster Holzlieferant hinabsteigt an das Neckarufer, um im sommerlichen Sonnenbrande dort seinen Fuß zu kühlen, sich überhöhend hinaufzuziehen, liegen die untersten Häuser des sauberen, stattlichen Dorfes 300 Meter, die mittleren 350, die obersten gegen 380 Meter über dem Nordseeniveau. Der Höhenunterschied, der demnach beim Durchwandern des Ortes zu überwinden ist, beträgt nahezu 100 Meter und führt geologisch vom Schwemmland des Neckartales mit seinen Wiesen über die gewaltige Welle des Stubensandsteins hinauf auf den diesen überlagernden Zanklodonmergel zur untersten Schwarzjuraschicht, die sich nordwärts nach einigen hundert Metern horizontaler Wanderung dem Schönbuch zu wieder verliert, vom Zahn der Zeit zernagt.
Während diese unterste Liasschicht auf der oberen Terrasse den Untergrund für die üppig gedeihende Brotfrucht unseres Heimatortes (Gerste, Dinkel und Weizen) vor allem liefert, ist es auf der Ebene der mittleren Terrasse ein mit Ton günstig gemischter "weißer" Sandboden, der neben Brotfrucht auch Brachfrüchte und Gemüse jeder Art in erstaunlicher Menge, von emsigem Fleiß der Bewohner betreut, heranwachsen läßt. Zeuge dieses Fleißes sind die hochgebeigten Leiterwagen, die dreimal wöchentlich (Dienstag, Donnerstag, Samstag) nach dem 8 Kilometer entfernten Reutlingen fahren und in ihren Säcken und Körben Gelbrüben, Erbsen, Bohnen, Rettiche, besonders aber Gurken, bergen, so die Industriestadt Reutlingen zu einem guten Teil mit Frischgemüse versorgend.
Unser "roter" Boden, ein sehr "anhänglicher", etwas kalter und schwer zu bearbeitender Letten, bekleidet insbesondere die Wingerthalde, deren Namen an die Zeiten erinnert, in denen zwei Kelterbäume bekömmlichen Sylvaner und Klevner kelterten. Die alte Kelter besteht noch und ist Aufbewahrungsort der Bütten geworden, die alljährlich bei der Herstellung des Mostes Verwendung finden, die in ziemlich reichlichen Mengen bereitet wird. Kein Wunder - Pliezhausen liegt noch, wie früher, da die trauben hier reiften, auf der Sommerseite. Im Frühling leuchtet das Blütenmeer dieser Wingerthalde weit gegen die Albberge hin, und von der frühesten Kirsche um Pfingsten bis zum letzten Apfel im Spätherbst liefern Sträucher und Bäume alles, besonders für den Gaumen der Kinder, denen zuliebe der Vater sehr darauf bedacht ist, dieses Erbstück von Vaters Hand seiner Familie zu erhalten.
Das Kernstück aber, der Grund, auf den gegründet nicht nur das Haus, sondern auch das Handwerk des Pliezhäusers ist, ist "der gewachsene Fels", der verschiedenkörnige Stubensandstein. Zweien Anzeichen, die dies beweisen, wohnt geradezu sinnbildliche Kraft inne. Erstens: "Am braiten Stain", einer ansehnlichen Sandsteinplatte, zu sehen beim Hause des Christian Kimmerle, gegenüber dem wohl ältesten hiesigen Gebäude, dem Gasthof zum "Hirsch" (1623, früher altes Schlößchen), ist wohl die älteste Siedlung von dem 1092 in der Geschichte erstmals genannten Plidolfishusin, zu Allerheiligen gehörend, dann an die Spitäler Urach und Nürtingen verkauft, zu suchen. Zweitens: Die von Pliezhausen über den Neckar führende Brücke ist heute noch im Besitze der Stadt Reutlingen. Dieses uralte Eigentumsrecht wurde von jener erworben, um zahlreiche Gebäude ihrer Stadt, darunter auch die stattliche Marienkirche, aus Pliezhäuser Sandsteinen ausführen zu können. Mancher schwerbeladene Sandsteinwagen mag über die Brücke der Stadt zugerollt sein, und die abgebauten Brüche im "Füllkasten", links und rechts vom "Wasserfall", bezeugen die großen Mengen, die hier dem heimatlichen Erdschoße entführt wurden. Bis in die Jetztzeit hinein wandern Mühl- und Pflastersteine in die weite Welt hinaus. Genannte Steinbrüche lieferten Bausteine zu den Dombauten von Ulm und Köln.
Welch wichtige Rolle dieser Stubensandstein im Leben Pliezhausens gespielt hat, zeigt auch die schalkhafte Bezeichnung, die seine Bewohner von der Umgebung sich gefallen lassen müssen: sie sind die "Sandsäcke", denn einst zogen sie mit ihren Wagen voll Fegsand und Silbersand in die Fremde, um so ihr Brot zu verdienen. Der Großteil der männlichen Bevölkerung aber arbeitet im Bauhandwerk. Von den großen Baufirmen, besonders Stuttgarts, aus wandern unsere Männer als Spezialarbeiter für Dampfkesselanlagen, für Fabrikschornsteine in die Welt hinaus, und fast alle haben Gelegenheit, das was sie in ihrer Dorfschule in der Erdkunde über Länder und Leute Europas hörten, mit eingenen Augen zu beschauen, und die von ihnen vom Aetna mitgebrachten Lavastücke, Oliven, Orangen, die Karten von schiefen Turm zu Pisa, vom Marmordom Mailands oder von der Löwengruppe der Alhambra in Spanien, werden von den zurückgebliebenen Landratten ehrfürchtig bestaunt. So wurde das einheimische alte Steinbrecher- und Steinmetzerhandwerk zur Wurzel, aus der das heutige Spezialistentum im Maurerhandwerk wuchs. Man sieht es aber beim Durchschreiten des Ortes seinen Häusern auch an, daß sachkundige und auf gute Erhaltung bedache Bewohner hier ihr Heim haben.
Im Angesichte unserer Schwabenalb un vom Hohenstaufen bis zum Plettenberg
wurde an aussichtsreicher Stelle vom Schwäbischen Albverein ein 18
1/2 Meter hoher Aussichtsturm "bei den zwei Eichen" erbaut, dessen
Weihe am kommenden Sonntag den 6. Juli 1930
von 2 Uhr ab im Kreise zahlreicher Albvereinler von nah und fern
stattfinden soll.
Komm und siehe!
| Schwäbischer Albverein Ortsgruppe Pliezhausen |
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