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| Schwäbischer Albverein
Ortsgruppe Pliezhausen |
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Turmweihe
Aus
den Blättern des Schwäbischen Albvereins, 42. Jahrgang,Nr. 6,
anläßlich der Einweihung des Zwei-Eichenturms im Jahre 1930
Vom Zwei-Eichen-Turm bei Pliezhausen
Sechs Wochen nach der Einweihungsfeier auf dem Volkmarsberg schon wieder
eine Turmweihe?
Mancher treue Albvereinler mag die Einladung auf den 06. Juli nach
Pliezhausen am Neckar mit Kopfschütteln entgegennehmen. Und es ist
nicht zu leugnen, dass eine strenge Befolgung geschriebener und ungeschriebener
Grundsätze das am Neckar ins Leben getretene Unternehmen nicht sehr
begünstigt hätte. Es bedarf daher schon einiger Erläuterungen,
wie der Verein sich zu diesem Unternehmen gestellt hat. Beantragt wurde
es von der rührigen OG Pliezhausen, empfohlen von dem Tübinger
Gau im Jahre 1925. Nach längerem Sträuben einigte man sich auf
eine einfachere Aussichtswarte. Der Verein genehmigte auch in drei Mitgliederversammlungen
4.000 Mark und überließ die Beschaffung weiterer Mittel der
OG. Diese fühlte sich durch früh eingesetzte Sammlungen zur Durchführung
ihres Gedankens verpflichtet, machte verschiedene Vorschläge und Voranschläge
und entschied sich schließlich zur Annahme eines recht brauchbaren
Entwurfs von Oberamtsbaumeister Gräber in Tübingen, der den Vorzug
der guten Gestaltung und Billigkeit hatte. Empfohlen wurde der Entwurf
von einem Bauausschuss, der auch von dem Standort Einsicht nahm. Der Standort
liegt etwa 100 m über dem Neckar am oberen Ende des Dorfes bei den
Zwei Eichen, in einer Meereshöhe von rund 400 m. Aber, wird man fragen,
handelt es sich hier um einen Waldturm, ohne den keine Aussicht gewesen
wäre? Und was bedeuten 400 m, wenn der Schönbuch, zu dessen Neckarrand
die Pliezhäuser und die Altenrieter Landschaft gehört, gegen
die nahen westlichen Höhen¸ die auf fast 430 m ansteigen und
dem allerdings entfernteren waldigen Bromberg 581 m erreichen?
Was bedeutet ferner ein Aussichtsturm hier, wo nur 3 1/2 km entfernt
in etwas größerer Höhe das Lamm in Altenriet einen so bequemen
Standort, und gar in 4 km Entfernung der Kirchturm von Häslach auf
rund 450 m einen ausgezeichneten Umlauf für aussichtssuchende Wanderer
bietet? Werden nicht, wird mancher ängstlich fragen, diesem Beispiel
von anderer Seite berechtigtere Forderungen folgen, und wie wird sich dann
die Vereinsleitung durchfinden?
Damit sind die Einwendungen, die erhoben werden können, so ziemlich
erschöpft, und wir versuchen, nicht ohne Bedenken, sie zu widerlegen.
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass der Albverein nur den kleineren
Teil der Baukosten trägt, den größeren übernimmt die
OG. Es wird also einer der billigsten Türme des Albvereins sein. Die
Gemeinde und ihre rührige OG (80 Mitglieder) ist für den Plan
mit Zähigkeit und Überzeugung eingetreten. Die Plattform des
Turmes, 15 Meter hoch, hebt sich über alle umliegenden Hindernisse
nicht unwesentlich empor und hat die Aussicht neckaraufwärts bis zur
Weilerburg erweitert. Natürlich sieht man über die Wälder
des Schönbuchs von Südwesten bis Nordosten nicht hinweg, dagegen
ist der Anblick des Neckartals namentlich für den, der von Norden
her kommt, ausnehmend anmutig, ganz hervorragend der Anblick der Alb vom
Hochenstaufen bis weit über den Hohenzollern hinauf. Eine Gerade auf
die Albflanke gezogen trifft etwa die Achalm in kaum 10 km Luftlinie, ein
eindrucksvolles Gegenüber. Die Einzelheiten der Fernsicht brauchen
wir hier nicht aufzuführen, denn die Berge der Alb sind unseren Mitgliedern
auch im einzelnen wohl bekannt. Die Abbildung S. 153/154 zeigt einen Teil
der Albansicht. Das Echaztal ist es hauptsächlich, das weite Herrschaftsgebiet
der aufstrebenden Stadt Reutlingen, das sich dem Auge darbietet, und dorther
wird auch der Hauptbesuch dieses Aussichtsturmes erwartet, denn dorther
bietet sich dem Naturfreund die Möglichkeit in ganz kurzer Zeit diesen
Turm, gewissermaßen das letzte Gebäude von Pliezhausen, zu erreichen.
Der Turm bildet für den Lichtensteingau ein bequemes Ziel, hauptsächlich
deswegen, weil die Reutlinger Straßenbahn um billiges Geld in häufigen
Zügen über Rommelsbach nach Oferdingen, das auf dem rechten Ufer
des Neckars Pliezhausen gegenüber liegt, (und dann mit linksum nach
Altenburg, 3 km oberhalb Pliezhausen) fährt. Von dieser südlichen
Seite her wird dem Turm der meiste Besuch zuteil werden. Aber auch vom
oberen und unteren Neckartal her wird es an Besuch nicht mangeln. Von Tübingen
und von Nürtingen her besteht Kraftpostverbindung. Von Kirchentellinsfurt
führt der neue Wanderschutzweg im Wald bis gegenüber Altenburg
(Fortsetzung geplant und so gut wie gesichert), und aus der Richtung Nürtingen
bietet diese Stadt selbst (15 km) und bieten die Stationen Neckartailfingen
(durchs Tal) und Bempflingen (durch Mittelstadt) gute Anmarschlinien.
Wer aber von dem Turm weg nach Westen oder Norden weiter strebt, findet
viel ansprechende Wege durch den Schönbuch, seis über das nahe
Rübgarten nach Bebenhausen oder über Gniebel und Walddorf nach
Weil im Schönbuch oder nach Waldenbuch oder ins Reichenbachtal oder
auf den Uhlberg. Ja gerade für die so bevölkerte Mitte des Landes
bieten sich mit Benützung der Eisenbahn von oder nach den Stationen
Weil im Schönbuch, Waldenbuch und Nürtingen usf. neue Gelegenheiten
zu kräftigen Wanderungen. Die Wege sind alle gut bezeichnet. So bekommt
auch dieser neue Turm eine höhere Bedeutung für den Wanderfreund.
Wer also in Oferdingen, dem in die früheste deutsche Kaisergeschichte
zurückweisenden Hunfriedingen, aussteigt, befindet sich sofort am
Rande des Neckartals und hat sich gegenüber hinter Pliezhausen den
Turm als beherrschende Erscheinung, und überquert er dann das Neckartal,
so gilt es, auf der Hauptstraße, die nach Gniebel führt, durch
das ganze Dorf Pliezhausen empor noch 1 km aufwärts zu steigen vorbei
an Häusern, die von einem gewissen Wohlstand zeugen. So ziemlich in
der Mitte liegt bescheiden das schlichte alte Rathaus, auf der andern Seite
über der Mauer das Pfarrhaus, hinter dem wieder die weithin sichtbare
Kirche aufragt. Schon ganz unten im Dorf bemerkt man eine Stützmauer
mit der Jahreszahl 1926, die angibt, dass damals hier die Straße
nach Nürtingen (vorbei an Mittelstadt und Neckartenzlingen und durch
Neckartailfingen und Neckarhausen) zur Verminderung der starken Steigung
gebaut wurde. Weiter oben im Dorf zweigt die alte Straße dorthin,
sowie die über den Berg, über die Teufelsbrücke vorbei am
Hof Hammetweil, rechts ab.
Im Neckartal befindet man sich im Gebiet des mittleren Keupers, dessen
Stubensandstein die steilen Höhen bildet, die durch den berüchtigten
Knollenmergel überlagert sind. Die kräftigen Mauersteine verraten
überall die Herkunft aus alten Steinbrüchen, die ehedem den Ruhm
der Ortschaft bedeuteten und die Grundlage für Maurer- und Steinhauerbetrieb
geworden sind. Mitten auf der Hauptstraße zeigt eine große
gewachsene Felsplatte diesen Stein. Über den Knollenmergel erreichen
wir an der Stelle unseres Turmes eine der Liasplatten, Schwarzjuraebenen,
die sich durch Fruchtbarkeit auszeichnen, namentlich die jenseits der Aich
gelegenen Filder. Die Begleitworte zur geognost. Spezialkarte von Württemberg
(Atlasblatt Böblingen) möchten sogar "vom geologischen Gesichtspunkt"
aus die Walddorfer oder Walddorf-Pliezhauser Höhe, die keine Bruchlinie
aufweist, geoloigsch zur Alb rechnen, wie das Albvorland auf dem rechten
Neckarufer.
Der Altertumsfreund, um das hier einzufügen, mag am Kirchturm
einen wagrecht liegenden römischen Merkur entdecken, ein Beweis, dass
die Römer auch hier schon gesiedelt haben, und zwar liegt ja Pliezhausen
an der für die römische Besitzergreifung so wichtigen Straße
Rottenburg-Köngen, über die in diesen Blättern schon öfters
geschrieben wurde. Während diese Straße von der Schönbuch-Steige
an (gegenüber Kirchentellinsfurt) links neben der heutigen Straße,
aber höher als diese, fast bis her an Pliezhausen überall leicht
nachweisbar ist, gelang es der Forschung noch nicht, die Lücke zwischen
Pliezhausen und der Neckartenzlinger Fabrik im Äule, wo sie wieder
schön, fast unversehrt im Ackerland zutagetrat, auszufüllen.
Aber dass Pliezhausen als Blidolfeshausen (blid ist ein verloren gegangenes
Wort für froh, heiter, freundlich, artig) eine alemannische Siedlung
gewesen ist, die etwa zur 2. Periode der Besiedlungszeit zu zählen
ist, da man rodend vorging, geht aus den Funden eines alemannischen Reihenfriedhofs
hervor, über die in der Süddeutschen Zeitung 1929, Nr. 38, berichtet
wird. Aus der Burgenzeit stammt ein namenloser Burgstall hart an der Markungsgrenze
von Pliezhausen im Wald, der an die Schelmenäcker grenzt und zur Markung
Dörnach gehört, der hier ein Stück Wald wohl bei der Schönbuchaufteilung
zugewiesen wurde.
Nun stehen wir oben auf den "Stellenäckern". Das Gelände
gegen 8 a groß, liegt am Feldweg, ist von der Gemeinde dem Albverein
geschenkt und auf seinen Namen eingeschrieben. Zu den Füßen
des Turmes ein Turn- und Spielplatz, von einem Hag umgeben und mit den
2 Eichen besetzt. Diese sind stattliche Bäume mittleren Alters. Das
Backsteinhäuschen hat die OG von der Turngemeinde erworben. Der Turm
wurde in knapp 10 Wochen zum festen Preis von 9.500 M in Eisenbeton erbaut,
Grundriß 5,40 m im Geviert, Höhe 15 m, Treppen mit 86 Stufen
in kurzen Absätzen je 1,80 m breit, Plattform 4,80 m im Geviert überdeckt,
ein recht anmutiger Standort.
So sind also die Pliezhäuser befriedigt und mögen sich ihrer
Errungenschaft freuen! Später liegt der Schlüssel im nächsten
Hause. Eine Darstellung der Albansicht ist in Arbeit.
Eine Vorfeier wollten sich die Pliezhäuser
nicht nehmen lassen, indem sie auf Mitte Mai eine "Grundsteineinfügung"
festsetzten. Hierüber berichtet cand. Phil. Hans Widmann, Tübingen:
"Nachdem die Mittel durch die OG gesichert waren, konnte in diesem Jahr Ende April mit dem Bau begonnen und der Turm rasch bis zu beträchtlicher Höhe aufgeführt werden. Auf 17. Mai wurde eine Grundsteineinfügungsfeier veranstaltet, zu der sich außer den Pliezhauser Einwohnern auch Albvereinler aus einigen benachbarten Ortsgruppen einstellten. Vom Hauptvorstand waren anwesend Ströhmfeld und Widmann, die der VM von Pliezhausen, Oberleher Münzinger, der unablässige Betreiber des Turmbauplans, besonders herzlich begrüßte. (Nägele vertrat den Verein bei der Tagung des Bundes für Natur- und Heimatschutz in Hechingen, einer der vielen Veranstaltungen dieser Wochen.) Ströhmfeld beglückwünschte die Ortsgruppe zu der neuen Errungenschaft; Bürgermeister Häußler sprach für den Gau Tübingen. Die Gemeinde Pliezhausen vertrat Schultheiß Müller, der den Wert des neuen Turmes hoch zu schätzen wusste. Die Einfügung der Grundsteinkapsel gestaltete sich zu besonderer Feierlichkeit; Oberamtsbaumeister Gräber aus Tübingen, dem der Turmbauplan verdankt wird, begann, und die Vorstandsmitglieder, der Ortsgruppenvorsitzende, der Gauobmann und andere schlossen sich mit den Weihesprüchen an. Zum Schluß verherrlichte Widmann die z. T. in Nr. 5 dieser Blätter vorgeführte Aussicht in gebundener Form. Nach der stimmungsvollen Feier, die von Schülergesängen (unter Oberleher Münzingers Leitung) umrahmt war, fand man sich wieder im "Bären" in Pliezhausen zusammen. Reden von Ströhmfeld und Widmann, Häußler, Münzinger, dem Bauausschussmitglied Fischer wechselten mit allgemeinen Gesängen. Bemerkenswert war eine begeisterte Rede des Vorsitzenden des Reutlinger Oratorienvereins, Radinger; die zufällig herübergekommenen Mitglieder dieses Vereins, die sich das neu erstehende Bauwerk angesehen hatten, erfreuten mit seinen musikalischen Darbietungen. Den Schluß bildete ein gemütlich ausklingendes Beisammensein der Pliezhäuser OG, die hofft, am 08. Juli viele Albvereinler bei der Einweihungsfeier des Zweieichenturms begrüßen zu dürfen."
In die Kapsel wurden eingelegt u. a. Münzen der heutigen Währung
und die verschiedenen Albvereinszeichen und Ehrenzeichen, die Entstehungsgeschichte
des Turmes, die Ausgabe der Tübinger Chronik vom 17. Mai 1930, und
ein von Strömfeld auf Pergament geschriebener und von weiteren anwesenden
Personen mit unterzeichneter "Gruß von Bergeshöhe bei herrlicher
Albfernsicht an die späteren Albvereinsmitglieder, am 17. Mai 1930".
Die Weihesprüche lauten:
Gräber: Aus festem Grund zur Höh gebaut, von der man nun die Heimat schaut.Die Bauzeit - Der Turmbau - Aus dem Turmbuch - Der Platz um den Zwei-Eichenturm
Ströhmfeld: Einfester Grund, im Stoff kein Schund, gibt guten bau, zu froher Schau.
Widmann: Turm, steh fest! mögst immer du gleichen den stolzen Nachbarn, den zwei Eichen.
Münzinger: Der Jugend zur Lehr, der Heimat zur Ehr, ihren Feinden zur Wehr, mög dieser Turm ein Zeichen sein von dem Geist im Schwäbischen Albverein.
Schultheiß Müller: Übers schöne Neckartal schau hinüber zur Schwäbischen Alb, zeig dem Wanderer unsere Heimat, unser schönes Schwabenland.
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